Wenn der Schuss daneben geht: Ein Vorfall mit weitreichenden Konsequenzen

Ein Schreckmoment auf der B104

Am Mittwochabend ereignete sich in unserem Nachbarlandkreis Ludwigslust-Parchim ein Vorfall, der exemplarisch die Verantwortung aufzeigt, die jeder Waffenbesitzer trägt. Ein 19-jähriger Fahrschüler und sein 61-jähriger Fahrlehrer waren auf der B104 zwischen Cambs und Brahlstorf (am Cambser See nordöslich von Schwerin) unterwegs, als sie plötzlich einen lauten Knall hörten. Bei der anschließenden Kontrolle des Fahrzeugs entdeckten sie ein Einschussloch in der rechten hinteren Tür – verursacht durch das Geschoss eines Jägers, der auf ein Stück Rehwild geschossen hatte.

Glücklicherweise blieb es bei Sachschaden: Das Geschoss drang nicht in das Fahrzeuginnere ein, beide Insassen blieben unverletzt. Die Polizei ermittelt nun gegen den Jäger wegen fahrlässigen, gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.

Die fundamentale Verantwortung jedes Waffenbesitzers

Ich kann nicht genug betonen: Mit dem Besitz einer Schusswaffe übernimmt jeder Inhaber eine immense Verantwortung. Diese Verantwortung beginnt bereits bei der ordnungsgemäßen Aufbewahrung und endet keineswegs mit dem Abfeuern des Schusses.

Das deutsche Waffengesetz ist nicht umsonst eines der strengsten weltweit. Es basiert auf dem Grundprinzip, dass der Besitz von Waffen ein Privileg und kein Recht darstellt. Jeder, der eine waffenrechtliche Erlaubnis erhält, muss seine persönliche Zuverlässigkeit und Sachkunde nachweisen. Diese Anforderungen sind nicht nur formale Hürden, sondern essenziell für die öffentliche Sicherheit.

Hinterlandgefährdung: Die unsichtbare Gefahr

Der Vorfall bei Cambs verdeutlicht eindrucksvoll ein fundamentales Problem beim Schießen: die Hinterlandgefährdung. Jeder Schuss bringt potenzielle Risiken mit sich, die weit über das eigentliche Ziel hinausreichen. Der Gefahrenbereich eines Büchsengeschosses liegt bei 4.000 und mehr Metern!

Die Physik des Schusses

Ein Jagdgeschoss behält auch nach dem Auftreffen auf das Ziel oder nach einem Fehlschuss erhebliche Energie. Die initiale Geschossgeschwindigkeiten liegen je nach Kaliber zwischen 800 und über 1.000 Metern pro Sekunde. Selbst nach 200 Metern (wie in diesem Fall) besitzt das Projektil noch genügend Energie, um Sachschäden zu verursachen oder Menschen zu verletzen bzw. zu töten.

Besonders problematisch sind:

  • Abpraller von harten Oberflächen: Gefrorener Boden, Steine oder Baumstämme können Geschosse unvorhersehbar umlenken
  • Geschosssplitter: Beim Auftreffen entstehen oft Fragmente, die einen weiten Gefahrenbereich schaffen
  • Querschläger: Geschosse, die ihr Ziel verfehlen oder nur streifen, behalten ihre gefährliche Energie

Faktoren, die das Risiko erhöhen

Die Hinterlandgefährdung wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst, die jeder verantwortungsbewusste Schütze kennen und berücksichtigen muss:

Witterungsbedingungen: Wind kann Geschosse erheblich ablenken, besonders auf größere Distanzen. Seitenwind ist dabei der „natürliche Gegner eines jeden Schützen“. Harter oder gefrorener Boden erhöht das Risiko von Querschlägern dramatisch.

Schussposition und -winkel: Auch ein Schuss vom vermeintlich sicheren Hochsitz erfordert besondere Vorsicht bezüglich der Geschossbahn nach dem Ziel. Jeder Schütze muss die gesamte Flugbahn des Geschosses bis zu seinem endgültigen Aufschlag mental durchspielen.

Kaliberwahl und Geschosstyp: Verschiedene Kaliber und Geschosstypen zeigen unterschiedliche Verhalten bei Aufschlag und Abprall. Ein erfahrener Jäger muss diese Eigenschaften seiner Munition genau kennen.

Hinterlandüberwachung: Pflicht zur Vorsicht

Die Hinterlandüberwachung ist keine theoretische Überlegung, sondern eine praktische Verpflichtung jedes Schützen. Sie umfasst mehrere Aspekte:

Sichtprüfung des Schussfeldes

Vor jedem Schuss muss der Schütze das gesamte Schussfeld visuell erfassen. Dies bedeutet nicht nur die Kontrolle des unmittelbaren Zielbereichs, sondern die Einschätzung der gesamten möglichen Geschossbahn. Bei dem Vorfall in Mecklenburg-Vorpommern hätte eine ordnungsgemäße Kontrolle des Schussfeldes den Schuss auf das Auto verhindert.

Einschätzung der Reichweite

Jeder Schütze muss die maximale Reichweite seiner Munition kennen. Moderne Jagdkaliber können Reichweiten von mehreren Kilometern erreichen. Die oft gehörte Aussage „ich kann ja die Straße sehen“ reicht nicht aus. Auch nicht sichtbare Bereiche müssen in die Risikobetrachtung einbezogen werden.

Sichere Schussrichtungen

In dicht besiedelten Gebieten wie Deutschland gibt es praktisch keine vollständig „sicheren“ Schussrichtungen. Jeder Schuss erfordert eine individuelle Risikoabwägung. Besonders kritisch sind Schüsse in Richtung von:

  • Verkehrswegen aller Art
  • Wohngebieten und Einzelgehöften
  • Wanderwegen und Erholungsgebieten
  • Gewässern mit möglichem Bootsverkehr

Verantwortung in der Praxis

Die Verantwortung des Waffenbesitzers manifestiert sich in konkreten Handlungen:

Kontinuierliche Weiterbildung

Sachkunde ist kein einmaliger Erwerb, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Moderne Ballistik, veränderte Jagdmethoden und neue rechtliche Bestimmungen erfordern ständiges Lernen. Als jemand, der selbst Langstreckenschießen praktiziert und lehrt, kann ich bestätigen: Jeder Schuss ist eine Lernerfahrung.

Regelmäßige Überprüfung der Ausrüstung

Eine präzise Waffe ist eine sichere Waffe. Regelmäßige Einschießkontrollen, Wartung der Optik und Überprüfung der Munition gehören zur Grundausstattung verantwortlichen Waffenbesitzes.

Selbstkritische Reflektion

Jeder Schütze muss ehrlich seine eigenen Fähigkeiten und Grenzen einschätzen. Faktoren wie Müdigkeit, Alkoholkonsum, Stress oder gesundheitliche Einschränkungen können die Schussleistung beeinträchtigen und sollten zu einem Schussverzicht führen.

Die gesellschaftliche Dimension

Vorfälle wie der in Mecklenburg-Vorpommern haben weitreichende gesellschaftliche Auswirkungen. Sie nähren Diskussionen über Verschärfungen des Waffenrechts und können das Vertrauen der Öffentlichkeit in verantwortlichen Waffenbesitz erschüttern.  Das Vertrauen wird durch jeden einzelnen verantwortungslosen Schuss gefährdet.

 Jeder Waffenbesitzer ist Teil der Lösung: Durch vorbildliches Verhalten, kontinuierliche Weiterbildung und die Bereitschaft, andere Schützen auf Fehlverhalten hinzuweisen, tragen wir alle zur öffentlichen Sicherheit bei.

Fazit: Es gibt keine Entschuldigung für Leichtsinn

Der Vorfall bei Cambs hätte deutlich schlimmer ausgehen können. Dass niemand verletzt wurde, ist dem Glück geschuldet und nicht verantwortlichem Handeln. Ein 200 Meter entferntes Fahrzeug auf einer Bundesstraße liegt eindeutig im Gefahrenbereich eines Jagdschusses.

Waffenbesitz bedeutet Verantwortung – jeden Tag, bei jedem Schuss, ohne Ausnahme. Diese Verantwortung endet nicht bei der bestandenen Jägerprüfung oder dem Erhalt der Waffenbesitzkarte. Sie ist eine lebenslange Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, die uns das Privileg des Waffenbesitzes gewährt.

Wir sollten diesen Vorfall als Appell an alle Waffenbesitzer sehen: Machen Sie sich jeden Tag aufs Neue bewusst, welche Verantwortung Sie tragen. Die öffentliche Akzeptanz unseres Sports und unserer Jagdtradition hängt von jedem einzelnen von uns ab.

Der junge Jäger aus Mecklenburg-Vorpommern hat eine schmerzhafte, aber wichtige Lektion gelernt. Sorgen wir dafür, dass andere nicht erst aus solchen Fehlern lernen müssen.

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